08.10.2012 FT, Seite 12

Arbeitnehmerwallfahrt 2012

Der FT berichtet am 8.12.2012 auf Seite 12 in Ausgabe A:

Kirche hört den Schrei der Arbeitswelt

WALLFAHRT Anlässlich des 1000-jährigen Domjubiläums pilgerten Arbeitnehmer und Arbeitslose mit Erzbischof Ludwig Schick durch die Innenstadt zum Dom. An vier Stationen und im Gottesdienst fielen mahnende Worte: „Arbeit ist Menschenrecht“.

VON UNSERER MITARBEITERIN
Marion Krüger-Hundrup

Mit Erzbischof Ludwig Schick vorneweg (Mitte) zieht die Wallfahrt für Arbeitnehmer und Arbeitslose vom Maxplatz zum Dom. Foto: Ronald Rinklef

Bamberg - Langsam löffelt Brigitte Winkler (Name von der Redaktion geändert) den dampfenden Eintopf. Die 59-Jährige, die mit ehemaligen Kolleginnen des Bamberger Kaufhauses Honer am Samstag mitgepilgert ist, schaut nachdenklich drein: „Die Wallfahrt gibt Kraft“, meint Brigitte Winkler. Und schließlich „stirbt die Hoffnung zuletzt“, erklärt sie. Arbeitslos wie noch die meisten der „Honer-Frauen“. 34 Jahre lang habe sie in dem Kaufhaus gearbeitet. Brigitte Winkler lächelt ein wenig bitter. Umso dankbarer zeigt sie sich über den „Zuspruch von Erzbischof Schick“: „Ist schon gut, dass nicht nur ein einfacher Pfarrer mitgegangen ist, sondern der Erzbischof“, freut sich die „Honer-Frau“.

Vorneweg war Ludwig Schick bei dieser Wallfahrt für Arbeitnehmer und Arbeitslose vom Maxplatz zum Dom mitmarschiert. Gleich hinter dem Banner „Arbeit ist Menschenrecht“, das den Zug der knapp dreihundert Menschen anführte. Normalerweise hat die traditionelle Arbeitnehmerwallfahrt die Basilika Vierzehnheiligen als Ziel. Doch zum 1000-jährigen Domjubiläum sollte es „Dem Himmel entgegen“ gehen, wie dessen Motto lautet. „Arbeitnehmer haben im Jubiläumsjahr einen wichtigen Platz in der Hauptkirche des Erzbistums“, betont Betriebsseelsorger Manfred Böhm. Die Wallfahrt sei ein Zeichen, dass „die Arbeitswelt ins Zentrum der Verkündigung gehört“. Dass „die Kirche den Schrei aus der Arbeitswelt hört“, ergänzt Maria Gerstner, Kronacher Diözesansekretärin der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB). Die katholische Betriebsseelsorge, die KAB, die ökumenischen Arbeitslosenberatungsstellen im Erzbistum Bamberg und die Franziskaner von Vierzehnheiligen hatten zu dieser Wallfahrt eingeladen.

Vier Stationen gliedern den Pilgerweg durch die Innenstadt. Vorbeter werfen Schlaglichter auf den Arbeitsalltag. Sie benennen „Arbeit für einen Hungerlohn“, „Arbeit oft nur als Befristung“, „prekäre Beschäftigung“, „entwertete Leistung der Menschen“, wenn Arbeit nur als klein gehaltener Kostenfaktor in den Wirtschaftsbilanzen auftaucht. Wenn die Seele durch die Arbeit krank wird, wenn nur noch Erschöpfung bleibt, wenn die Angst um den Arbeitsplatz übermächtig ist, wenn die Resignation bei der Arbeitssuche verzweifeln lässt. Eine Litanei der Sorgen und Hoffnungen steigt gen Himmel: um eine gerechte Entlohnung, um faire Arbeitsbedingungen, um ein gutes Betriebsklima, um zukunftssichere Arbeitsplätze.

„Arbeitsmärkte müssen so gestaltet sein, dass die Würde der Arbeit zum Tragen kommt“, heißt es an einer Station. Die Pilger ziehen weiter und singen „Alles meinem Gott zu Ehren in der Arbeit, in der Ruh. Gottes Lob und Ehr zu mehren…“. Wieder ertönt die Mahnglocke. Macht wach für die Klagen über die zunehmende Spaltung der Gesellschaft. Über die wachsende Kluft zwischen oben und unten. „In diese unsere Welt komme dein Reich!“, bitten die Pilger.

Erzbischof findet deutliche Worte

Im Gottesdienst bündeln sie ihre Anliegen. Eindringlich klingt ihr Lied „Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf in dieser Zeit, niemand soll ein Opfer sein… erbarm dich, Gott“. Erzbischof Schick findet in seiner Predigt deutliche Worte: „Wir brauchen für gute Arbeit gerechten Lohn.“ Der Niedriglohnbereich sei „Gift für unsere Gesellschaft, für Stabilität und Humanität“. Die Löhne müssten so gestaltet sein, dass davon Familien ernährt und Altersvorsorge finanziert werden könne. Als weiteren „Grundpfeiler der Arbeitswelt“ fordert der Erzbischof „stabile Arbeitsverhältnisse durch Dauerarbeitsverträge“. Vor allem junge Menschen würden zu oft lediglich mit Zeitverträgen beschäftigt, kritisiert Schick. Sie könnten keine Familie gründen, Kinder haben, „weil ihr Leben in der Arbeitswelt ungesichert ist“. Neben einem gerechten Lohn und stabilen Arbeitsverhältnissen mahnt der Erzbischof „mehr religiöses Leben“ an, „weil es uns Glauben, Vertrauen und ein Miteinander schenkt“. Religiöses Leben fördere „Gemeinschaft und Mitmenschlichkeit“.

Nach dem Pontifikalamt sind alle Wallfahrer zum Mittagessen ins Dompfarrheim eingeladen. Die „Honer-Frauen“ sitzen beieinander: „Wir sind nicht allein“, hat Brigitte Winkler an diesem Tag erfahren. Und damit meint sie nicht nur die Gesellschaft ihrer Schicksalsgefährtinnen.

Das Heinrichsblatt berichtet am 14.10.2012 in Ausgabe B, Seite 3:

„Arbeit ist Menschenrecht“: Katholiken der Erzdiözese zeigten Flagge im Kampf um gerechte Löhne

Eine gerechte Arbeitswelt mitgestalten

Rund 200 Arbeitnehmer, Arbeitssuchende, Vertreter der Katholischen Betriebsseelsorge und Arbeitnehmerpastoral, der Gewerkschaften und Interessensverbände kamen am vergangenen Samstag zur Diözesanarbeitnehmerwallfahrt nach Bamberg. Angeführt wurde der Zug von Erzbischof Dr. Ludwig Schick, der die Wallfahrer am Maxplatz empfing und in den Dom begleitete.

„Arbeit ist nicht alles, aber ohne Arbeit ist alles nichts.“ Die Worte des Leiters der Katholischen Betriebsseelsorge, Dr. Manfred Böhm, an der ersten Statio am Maxplatz, sprachen so manchem Arbeitssuchenden aus dem Herzen. Christen seien dazu aufgerufen. eine gerechte Arbeitswelt mit zu gestalten.

Die Diözesanarbeitnehmerwallfahrt, die im Jahr des Domjubiläums statt vor die fränkischen Nothelfer in Vierzehnheiligen vor den Bamberger Bischofsstuhl führte, machte dazu Mut. Auch der Zeitpunkt war gut gewählt: am Samstag vor dem Welttag für menschenwürdige Arbeit am 7. Oktober.

„Arbeit ist Menschenrecht“ lautete das Motto der Glaubensdemonstration, cm Grundrecht, das selbst in einem so genannten Sozialstaat wie der Bundesrepublik mit Füßen getreten werde. Das wurde von Statio zu Statio deutlicher. „Viele Niedriglöhner haben, wenn sie bei der Agentur für Arbeit leer ausgehen, gar keine andere Wahl, als zusätzlich einen Minijob anzunehmen. Den schnappen sie einem Arbeitslosen weg, der ihn gut gebrauchen könnte“ Gabriele Zeuß von der Katholischen Arbeitnehmerbewegung und Petra Zehe von der Ökumenischen Arbeitslosenbewegung ‚Die Idee“ schilderten vor der Kreuzigungs gruppe am Alten Rathaus die Auswirkungen des Niedriglohnsektors. „Menschen, die mehrere Jobs aneinanderreihen müssen, bleibt weder Zeit noch Kraft für Partnerschaft und Familie, Politik und Kultur. Arbeit darf doch nicht das Leben kosten.“

Gerechte Arbeit verleihe Würde und Selbstachtung hieß es an der dritten Station vor St. Elisabeth im Sand. „Verliehen aber werde ich selber“, beschrieb ein Betroffener von der Arbeitsloseninitiative „Die Idee“ seine Situation. „... wenn ich Glück habe und eine Personaldienstleistungsfirma einen passenden Auftrag für mich hat. Zwischen den Beschäftigungszeiten bin ich immer wieder auf Arbeitslosengeld II angewiesen.“

Das Auto, das ihm das Pendeln zwischen den diversen Leihbetrieben erst ermögliche, finanziere ihm sein Vater. Er selbst könnte es sich nicht leisten. „... und eine entsprechende Schlagzeile in der Bild- Zeitung in regelmäßigen Abständen reicht aus, um Hartz1V-Bezieher sozusagen auf Lebenszeit in die Drückeberger-Ecke zu stellen“, schließt sein Bericht resigniert.

An der vierten Statio zwischen Bischofshaus und Domschule ergreift DGB-Funktionär Mathias Eckardt das Wort: „Viele spüren den Paradigmenwechsel der Agenda 2010, die Notleidende zwingt, seine Bedürftigkeit nachweisen zu müssen. Für viele läuft es in unserem Land schlecht mit der Gerechtigkeit “, sagt der Regionsvorsitzender für Oberfranken West. „Wo die Gerechtigkeit in einem Gemeinwesen systematisch und dauerhaft verletzt wird“, führt er fort, „da wird das Gemeinwesen krank.“

Stabile Arbeitsverhältnisse als Fundament eines intakten Gemeinwesens, dem pflichtete auch Erzbischof Dr. Ludwig Schick in seiner Ansprache während der anschließenden Eucharistiefeier im Dom bei. „Wenn man nicht weiß, wann. wo und wie lange Arbeit auf ihn wartet, bindet man sich nicht“, führt er aus. Bindungslosigkeit aber sei „Gift“ für unsere Gesellschaft.

Hinzu käme der immer weiter um sich greifende Egoismus in der Arbeitswelt, den er als „Mangelerscheinung der Religionslosigkeit“ in Deutschland wertete. Stabile Arbeitsverhältnisse und ein lebendiges religiöses Leben könnten (las soziale Netz der Bundesrepublik jedoch erhalten, schloss er.

Stefanie Hattel

Sehen Sie dazu auch unseren Bildbericht