30.03.2012 FT, Seite 9

Läden bleiben zur Gartenschau zu

Bericht im FT am Freitag, den 30.03.2012, Ausgabe A, Seite 9

Sonntag Die Händler wollten die Gunst der Stunde nutzen und die Läden am ersten Wochenende der Gartenschau öffnen. Doch der Stadtrat sagte nein. Auch am 29. April wird es in Bamberg keinen verkaufsoffenen Sonntag geben.

Sie lehnen verkaufsoffene Sonntage kategorisch ab. Vertreter der „Allianz für den freien Sonntag“ protestierten am Schillerplatz. Foto: p

VON UNSEREM REDAKTIONSMITGLIED
Michael Wehner

 

Bamberg - Sie gehört zum Stadtrat wie der Dom zu Bamberg: die alljährliche Schlacht um den verkaufsoffenen Sonntag und das knappe Ergebnis beim Abstimmen. Die Rollen in diesem Ritual sind klar verteilt. Vor dem Rathaus demonstrieren die Gegner der Sonntagsöffnung, drinnen liefern sich die Fraktionen ein durchaus hörenswertes Wortgefecht um Grundwerte wie den freien Sonntag, Familienfreundlichkeit und die Gesetze im Freistaat, die den Kommunen einen unsinnigen Wettbewerb mit den Nachbarstädten aufzwingen.

Dabei hatte es der Stadtmarketing-Verein diesmal besonders schön eingefädelt: Gespräche fanden mit den Fraktionen bereits vor der Wahl statt. Es gab Überzeugungsarbeit im Ältestenrat. Zudem: Der Anlass könnte kaum verlockender sein! Die Landesgartenschau startet am 26. April. Sie wird Menschenmassen auch in die Innenstadt schwemmen. Warum soll der Handel nicht wenigstens an einem Sonntag davon profitieren, genauer am 29. April? Das war das Ziel, das Klaus Stieringer vom Stadtmarketing mit einem Antrag an die Verwaltung verfolgte.

Zumindest beim OB ist der Wunsch auf fruchtbaren Boden gefallen: „Ein zweiter verkaufsoffener Sonntag hätte dem Handel gutgetan und geholfen, Arbeitsplätze zu sichern. Die vielen Besucher der Landesgartenschau hätten das Angebot erhalten, an einem Sonntag in der Innenstadt auch einzukaufen“, stellte er auf unsere Anfrage fest.

Starke blickt dabei auch auf die Gepflogenheiten im Umkreis. Bis zu vier verkaufsoffene Sonntage sind durch das Gesetz erlaubt. Das hat zur Folge, dass Bamberg gewissermaßen zur Insel im Meer von verkaufsoffenen Sonntagen geworden ist. Von Lichtenfels über Forchheim bis nach Nürnberg reicht die Allianz der Städte, die das Thema großzügiger beurteilen – und so auch Kunden aus Bamberg anlocken.

In der alten Bischofsstadt selbst änderte sich in den letzten Jahren kaum etwas. Die Forderung nach offenen Läden am Sonntag stößt auf breiten Widerstand kirchlicher und gewerkschaftlicher Gruppen, die sich in der „Allianz für den freien Sonntag“ zusammengefunden haben. „Dass durch die Ladenöffnung am Sonntag die Umsätze wachsen, halten wir für ein Märchen“, sagt Sprecher Ralph Korschinsky knapp. Seine Mitstreiter haben vor der Sitzung wieder Flagge gezeigt.

Der Protest verfehlte seine Wirkung nicht. Gingen die Befürworter der Sonntagsöffnung vor der Sitzung noch davon aus, die Nase knapp vorn zu haben, sah es in der Abstimmung genau umgekehrt aus: Eine Mehrheit von 22 Stadträten stimmte gegen gegen die Sonntagsöffnung am 29. April, darunter die Grünen, die Freien Wähler, die Mehrheit der CSU-Stadträte und nicht zuletzt Norbert Tscherner; 20 Stadträte votierten für die offenen Läden: die meisten SPDler, Klaus Stieringer von den Bamberger Realisten und auch Daniela Reinfelder.

Christian Lange (CSU), der für die Befürworter und die Gegner in seiner Fraktion argumentieren musste, erklärte die Sonntagsfrage zur Gewissensentscheidung. Die Sonntagsruhe gehöre zum unverzichtbaren christlichen Wertefundament. Anderseits gebe es in seiner Fraktion die Sorge, ob der Einzelhandel in Bamberg durch ein Nein nicht einen Wettbewerbsnachteil erleide. Man wolle keine Arbeitsplätze gefährden.

Heinz Kuntke (SPD) warf der Staatsregierung vor, die Entscheidung über den offenen Sonntag auf die Kommunen zu verlagern. Der Handel habe eine faire Chance verdient. Diesem Wunsch könne sich die SPD nicht verweigern. Wolfgang Grader (GAL) begründete das Nein seiner Fraktion mit dem Wunsch nach echter Familienfreundlichkeit. „Wir müssen uns fragen, was in Bamberg im Mittelpunkt steht. Aus unserer Sicht nicht die Wirtschaft.“

Für Klaus Stieringer (Bamberger Realisten) ist der „Krieg um den Sonntag“ längst verloren. Durch das Internet sei der Sonntag zum Haupthandelstag geworden. Durch den verkaufsoffenen Sonntag könne der heimische Handel vom Start der Landesgartenschau profitieren.

Dazu kommt es zumindest am 29. April nicht, wozu auch Dieter Weinsheimer von den Freien Wählern beitrug: Er sprach vom „freien Sonntag“ als Verfassungsgut, das gegenüber kommerziellen Interessen geschützt werden müsse. Weinsheimer: „Dabei geht es nicht um vier Stunden, sondern um den Sonntag als Merkmal für Lebensqualität.“

Die Entscheidung im Stadtrat löste in der Öffentlichkeit unterschiedliches Echo aus: Claus Hofmann, Vorsitzender des Einzelhandelsverbands, sprach von einem enttäuschenden Ergebnis. Viele Bamberger Händler hätten durch den verkaufsoffenen Sonntag Umsatzzuwächse erwartet, da viele Gäste aus dem weiter entfernten Umkreis kämen. Hofmann: „Für die Einkaufsstadt Bamberg wäre das eine tolle Werbung gewesen.“ Mit Zufriedenheit wurde die Entscheidung bei der „Allianz für den freien Sonntag“ aufgenommen. Sie sah ihre Forderungen erfüllt: „Der Sonntag ist für uns ein Zeitanker in der Woche. Dabei soll es bleiben“, sagte Ralph Korschinsky.

Kommentar

Der Wert des Sonntags

Den Wunsch des Bamberger Einzelhandels nach offenen Läden zum Start in die Landesgartenschau kann man gut verstehen. Dennoch gebührt dem Stadtrat Respekt für seinen Mut, nein zu sagen und sich gegen den Zeitgeist zu stemmen, der immer mehr Winkel im Leben der Menschen dem Diktat der Wirtschaftlichkeit unterwirft. Die Interessen der Unternehmen mögen wichtig sein, noch wichtiger sind aber die Grundwerte unserer Gesellschaft und ihr Zusammenhalt. Zu ihnen gehört auch das Kulturgut Sonntag.

Wie wertvoll diese Errungenschaft ist, begreifen immer mehr Menschen, gerade weil sie in einer Epoche leben, für die die lückenlose Verwertung sämtlicher Ressourcen zum Maß aller Dinge geworden ist. Die Gefahr, wenn man es übertreibt, kann man am Zustand vieler Systeme erkennen. Es drohen Übernutzung und totaler Wertverlust.

Der Einfluss des Stadtrats ist gering, seine Macht eher symbolischer Natur. Aber auch dieses Aufbegehren ist wichtig. Bamberg tickt anders. Und das ist gut so.

Siehe dazu auch unseren Bildbericht