Archiv Soziallehre Aktuell

10.04.2013 Dr. Siegfried Ecker

Lehrmeister Europas?

Und wieder feiern wir ein Jubiläum. Vor 50 Jahren hat Papst Johannes XXIII. die Enzyklika „Pacem in terris“ veröffentlicht: Am 11. April 1963, kurz nach der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils. Dieser Gedenktag geht in der öffentlichen Meinung sicher unter. Denn schließlich muss die deutsche Öffentlichkeit ja zum Abwehrkampf gegen die „Schuldensünder“ in Europa noch mehr aufgerüstet werden. „Wir“ haben doch seit der Agenda 2010 alles richtig gemacht. Die „Anderen“ (PIGS – Portugal, Italien, Griechenland und Spanien) sollten das endlich begreifen. “Pig“ heißt im englischen übrigens „Schwein“.

Da lohnt sich ein Blick in die Enzyklika, die sich als erste Verlautbarung des Vatikans „an alle Menschen guten Willens“ richtet. Zum Frieden in der Welt braucht es nach der Meinung von Papa Giovanni andere Grundsätze als die Verachtung von Menschen, wie sie im deutschen Straßenverkehr ebenso wie in den Medien immer stärker zu beobachten ist. Das gilt im persönlichen Leben genauso wie im Verhältnis der Staaten untereinander.

Nr.87. Die Erfahrung lehrt, daß die Menschen sehr häufig und auch in hohem Maße voneinander verschieden sind an Wissen, Tugend, Geisteskraft und an Besitz äußerer Güter. Daraus kann aber niemals ein gerechter Grund abgeleitet werden, dass diejenigen, die den übrigen überlegen sind, diese irgendwie von sich abhängig machen; vielmehr haben sie, und zwar alle und jeder einzelne, die größere Verpflichtung, den anderen zur Vervollkommnung zu verhelfen, die nur in gegenseitigem Bemühen zu erringen ist.

Nr.88. So kann es vorkommen, dass auch unter den Nationen die einen den anderen voraus sind an wissenschaftlichem Fortschritt, an menschlicher Kultur und an wirtschaftlicher Entwicklung. Doch diese Vorzüge erlauben es ihnen keineswegs, zu Unrecht andere zu beherrschen, sondern sollen ihnen vielmehr ein Ansporn sein, mehr zum gemeinsamen Fortschritt der Völker beizutragen.

Nr.89. Die Menschen können nicht ihrer Natur nach anderen überlegen sein, da alle mit der gleichen Würde der Natur ausgezeichnet sind. Folglich unterscheiden sich auch die staatlichen Gemeinschaften nicht voneinander hinsichtlich der ihnen von Natur aus innewohnenden Würde; die einzelnen Staaten gleichen nämlich einem Körper, dessen Glieder die Menschen sind.

Nr.163. Allen Menschen guten Willens ist hier eine große Aufgabe gestellt: unter dem Leitstern der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Liebe und der Freiheit in der menschlichen Gesellschaft neue Wege der gegenseitigen Beziehungen zu finden; Beziehungen der einzelnen untereinander; zwischen den einzelnen und ihren Staaten; den Staaten untereinander;

Dieser Rückblick kann uns zeigen, dass die massive Kritik an der gegenwärtigen Europapolitik, wie sie in den Maiaufrufen von kirchlichen und gewerkschaftlichen Gruppierungen geübt wird, ganz in der Tradition der christlichen Sozialverkündigung steht.

1. Mai Aufruf