Archiv Soziallehre Aktuell

18.06.2012 Dr. Siegfried Ecker

Wir müssen sparen: Warum sich die Mehrheit fügt.

Die Mehrheit der Deutschen (und vielleicht einiger anderer Länder) ist davon überzeugt, dass es richtig ist, von einem großen Teil der Menschen „Opfer“ zu verlangen. Vordergründig nur von den undisziplinierten „Südländern“. Auch nach der Wahl in Griechenland.

Aber das ist nur der Vordergrund. Auch bei uns haben mehr als die Hälfte der Menschen in den letzten 20 Jahren Abstriche hingenommen. Zumindest im Vergleich mit den obersten 10 Prozent. Das gilt für die Einkommen und ebenso für die Vermögen. Belege für diese Behauptung lassen sich jede Menge finden. Aber nicht nur bei wissenschaftlichen Instituten und Behörden. Wer seinen Geldbeutel und sein Bankkonto oder seine Belege von Vorsorge und Versicherung aufmerksam verfolgt, stellt fest: Es wird weniger. Wer aufmerksam Auto fährt, stellt fest: Die teuren Automarken werden nicht nur in der Schnauze bulliger, wuchtiger und aggressiver, die billigen niedlicher und putziger. Die Fahrer verhalten sich auch beim Überholen so. Wer die Ohren bei den Nachrichten spitzt, hört, dass der Arbeitsmarkt „robust“ ist, dass die „Kauflaune“ steigt und es „uns Deutschen“ recht gut geht.

Wer ist mit denen gemeint, denen es gut geht? Die RentnerInnen, die seit Jahren immer weniger von dem abbekommen, was erwirtschaftet wird? Die ArbeitnehmerInnen, die (im Schnitt) seit langem weniger an den steigenden gesamtwirtschaftlichen Gewinnen beteiligt werden? Die befristet Beschäftigten, die besonders wenn sie jung sind, keine Lebensplanung machen können? Die NiedriglöhnerInnen, die auf Aufstockung durch das „Amt“ angewiesen sind? Die Arbeitslosengeld-II-Bezieher, die alle paar Wochen als Betrüger durch den Boulevard gejagt werden? Es sind wohl eher diejenigen, die den Staaten für hohe oder auch niedrige Zinsen Geld leihen und die – diese Armen – fürchten müssen, dass sie es vielleicht nicht zurückbekommen, wenn Griechenland Pleite geht, Spanien unter den Rettungsschirm schlüpfen muss und so weiter. Aber sie können ja auf den Steuerzahler vertrauen! Da kann´s einem nur gut gehen.

Könnte es sein, dass der Verzicht vieler bei uns die Südländer niederkonkurriert hat? Dass auch deshalb die Zinsen für Staatsanleihen große Gewinne erwarten lassen - für wenige. Und es denen da unten noch schlechter gehen soll, weil „wir“ nicht weiter verzichten wollen – sagt die Pfarrerstochter im Kanzleramt. Warum sind die meisten Menschen nicht solidarisch mit den Arbeitslosen in Griechenland, Spanien und Italien?

Es gibt da vielleicht eine kaum erkennbare, aber umso wirkungsvollere Tiefenströmung. Es ist nicht nur populistisches Gerede, dass Deutschland jüdisch-christlich geprägt ist. Die „Theologie des Opfers“ hat die Tiefenschichten geformt. Auch wenn der Pfarrer auf dem Präsidentenstuhl von „glücksüchtiger Gesellschaft“ redet: Die eindeutige Mehrheit ist überzeugt, dass Verzicht auf Beteiligung und Gerechtigkeit angesichts der Globalisierung notwendig ist. Und das trifft halt leider meist die „kleinen Leute.“ Die müssen eben Opfer bringen. Hier könnte genau diese Tiefenströmung der „Opfertheologie“ trotz schwindenden Einflusses der Kirchen eine Rolle spielen.

Was ist mit Opfertheologie gemeint? Zunächst mal: Sie ist öffentlich präsent. Kein seriöser Journalist scheut sich, in der Fastenzeit den Promi zu fragen: „Und was bringen Sie für ein Fastenopfer?“ Haben Sie sich mal gefragt: Warum sollte ich fasten, außer dass das vielleicht gesund ist und in den Religionen  durch Rituale weitergegeben wird - wir kennen ja nun den Ramadan. Viele Gläubige würden sich wohl gegen diese „aufklärerische“ Deutung des Fastenopfers wehren.  Natürlich, denn in fast allen Religionen gibt es tiefere Deutungen. Christen sagen: Im Fasten bringen wir ein Opfer, weil Christus sich für unsere Sünden am Kreuz geopfert hat. Im Gedenken und Danken machen wir das ein bisschen nach. Das musste Jesus tun, denn wir selbst können unsere Sünden gar nicht wieder gut machen. Was ist das für ein Gott: Zuerst macht er die Menschen als freie und zum Bösen fähige und dann fordert er das Opfer seines Sohnes als Wiedergutmachung? Kann das überzeugen?

Viele wissen, dass Opfern für Jesus eine Selbstverständlichkeit war. Das gehörte zum Judentum wie zu allen anderen Religionen. Im Alten Testament wird berichtet, dass ein Bock in die Wüste getrieben wird. Der trägt die Sünden der Menschen hinaus ins Verderben. Sind die „schlampigen Südländer“ unsere Sündenböcke? Denn der „Verzicht“ vieler Deutscher ist für die „Sünde“ der Südländer mit ursächlich. Die haben nämlich mehr Schulden, weil „wir“ Opfer gebracht haben. Aber diese Sünde gegen die Solidarität wälzen viele lieber ab. Dann sollen die Sündenböcke noch mehr Opfer bringen. Ob Jesus seinen Kreuzestod als traditionelles „Sünd-Opfer“ für die Menschen verstanden hat?

Wenige wissen, dass Jesus mit 30 Jahren am Kreuz gestorben ist, weil er es nicht hinnehmen wollte, dass die reiche Oberschicht der Sadduzäer als Verwalter des Tempels und seines „Opfer-Un-wesen“ das Geld der kleinen Leute einheimste. Es spricht vieles dafür, dass Jesu Absicht war, mit der Geisel gegen die Ungerechtigkeit anzugehen. Das kann man den Berichten über sein Leben entnehmen. Denn die sogenannten Synoptiker (Matthäus, Markus und Lukas) schreiben ihre Evangelien als griechische Dramen. Da gibt es an entscheidenden Stellen zweimal den Hinweis, dass die Eliten des Landes ihn hinrichten wollen: nach der Heilung am Sabbat und nach der Austreibung der Händler aus dem Tempel. (Link) Diese Stellen sind dramaturgisch klar konstruiert: Am Anfang des Aufstiegs und zu Beginn des Abstiegs. Dies ist zu deuten. Jesu Leben ist gegen Ungerechtigkeit gerichtet, mit tödlichen Folgen. Es ist kein Opfer, das ein unbarmherziger Gott fordert.

In der Geschichte des Staats-Christentums wird aber das „Sühnopfer“ für die Sünden der Menschen zur wirkmächtigen, lebensgestaltenden Erzählung. Das reicht von den riesigen, raumbeherrschenden Kreuzen in vielen, vor allem evangelischen Kirchen bis zum „Opferbringen“ in der Vorweihnachts- und Fastenzeit. Kinder erlebten solche und viele andere Bilder und Handlungen als angstmachend und bedrückend. Erwachsene mussten auf der Militärkoppel „Gott mit uns“ in den Tod nehmen. Opfer für das ominöse Vaterland oder für die Eliten?

Die untergründige, staats(Eliten?)tragende „Opfertheologie“ wirkt bis in unsere Zeit. „Der Hohe Rat“ verurteilte Jesus zum Verbrechertod, „weil es besser ist, dass ein Mensch für das Volk stirbt“. Die Hohenpriester der modernen „Opfertheologie“ drücken es so aus:

"Eine freie Gesellschaft benötigt eine bestimmte Moral, die sich letztlich auf die Erhaltung des Lebens beschränkt: nicht auf die Erhaltung allen Lebens, denn es könnte notwendig werden, das eine oder andere individuelle Leben zu opfern zugunsten der Rettung einer größeren Anzahl anderen Lebens. Die einzig gültigen moralischen Maßstäbe für die »Kalkulation des Lebens« können daher nur sein: das Privateigentum und der Vertrag." - Friedrich August von Hayek (1899-1992). Interview in: El Mercurio, Santiago de Chile, 19. April 1981.

Sehr viele Marktgläubige vor allem in den Medien, beten dieses todbringende Dogma im Kniefall vor den Finanzmärkten nach. „Schon Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich von Hayek wusste: Wettbewerb ist der Motor des Fortschritts. Am Markt setzt sich auf Dauer immer das bessere Produkt gegen das schlechtere durch, die bessere Lösung sticht die schlechtere aus. Nur durch Wettbewerb verbessert sich Qualität, alternative und innovative Ansätze können sich etablieren. Ohne Wettbewerb blieben auch in den schwachen Euro-Ländern strukturelle Verbesserungen und Problemlösungen aus.“
FOCUS-MONEY | Nr. 24 (2012)

„Nun muss Hollande beweisen, dass er die Franzosen davon überzeugen kann, eine Zeitlang Opfer zu bringen, damit in ein paar Jahren Massenarbeitslosigkeit, Negativsaldo im Außenhandel und Chancenlosigkeit der Jugendlichen überwunden sind. Die Macht dazu hat er.“
Handelsblatt 18.06.2012

Georgios und Melina, die ins Chaos gefallen sind, Pedro und Juanita, die keine Arbeit finden, kommen da nicht vor. Auch Marianne und Jaques fehlen.
Wer opfert sie? Was würde Jesus heute tun?

Jesus ist prophetisch (pdf, 87 KB)