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27.05.2019

Das Geld ist bei den Orthopäden

Man kommt nach Bamberg, wegen der Euphorie, sagte der Wahl-Hamburger Kabarettist Lutz von Rosenberg-Lipinsky nach einem kräftigen Applaus bei seinem Auftritt im Bistumshaus St. Otto am vergangenen Donnerstag.  Schließlich gehöre er zur Nordkirche, was zweimal das Gegenteil von Humor darstelle. Da er als Protestant im katholischen Priesterseminar untergebracht sei, habe er erstmal das Zimmer nach Abhörmechanismen untersucht, aber Gott sei Dank keine gefunden. Der mehrfach ausgezeichnete Kabarettist war mit seinem Programm „Geld.Macht.Angst“ im Rahmen der Ausstellung „Arbeit ist das halbe Leben?!“ von der Katholischen Erwachsenenbildung, der Katholischen Arbeitnehmerbewegung und der Betriebsseelsorge eingeladen worden.  Tiefgründig und humorvoll setzte sich von Rosenberg Lipinsky, der im katholischen Münster evangelische Theologie studiert hat, dann aber freischaffender Künstler wurde („ich habe zwar viel angestellt, war aber nie angestellt“), mit dem paradoxen Verhalten der Deutschen zu den Themen „Geld“ und „Angst“ auseinander.

Die heutige Gesellschaft bezeichnet er als „Generation Angst“ und als „kollektive Sozialphobiker“, denn alle fühlten sich bedroht „vom Objekt ihrer Wahl – im Zweifel vor Ausländern oder Sozialhilfeempfängern.“. Unterstützt würden wir dabei seit Jahrzehnten von den herrschenden Parteien, die nur vor „schmerzlichen Maßnahmen“ und „Einschnitten“ mahnen würden, und so Angst schürten. Nie sei Geld da, obwohl die Steuereinnahmen steigen: Aber wo ist das Geld? Von Rosenberg Lipinsky hatte eine einfache Antwort parat: Bei den Orthopäden, denn Angela Merkel habe ja versichert „Die Einlagen sind sicher.".

Hart ins Gericht ging er mit der Privatisierung der letzten Jahre. Dabei würde das von der Politik der letzten Jahre verordnete Prinzip auch von den Bürgern unwissend gefördert, indem sie Arbeit selbst entwerten. Als Beispiel nannte er die Deutsche Bahn: Die meisten Reisenden würden ihre Fahrtkarte im Internet selbst aussuchen, bezahlen und mit dem neuen „Komfort Check-in“ auch noch selbst entwerten. Alles Arbeiten, die früher andere erledigt hätten. Und verkauft würde dies als große Freiheit.

Auch die schlechte Bezahlung in den Sozialberufen prangerte er in diesem Zusammenhang an. Soziale Arbeit sei in unserer individualistischen Gesellschaft zur lästigen Pflicht geworden. Erzieher, Altenpfleger und Krankenschwestern würden nach dem Motto schlecht bezahlt „Macht eh keinen Spaß, daher gibt’s auch nur wenig Lohn.“.

Das Wort „Niedriglohnsektor“ ist für ihn das Unwort der letzten Jahre. Der Grundfehler liegt für ihn daran, dass Arbeit für viele Menschen keinen Sinn mehr mache. Und wenn sie damit wenig verdienen, müssen sie noch mehr Sinnloseres machen. Dass das zu Frust und extremen Ideen führe, sei klar. 

Eine Lösung ist für ihn, das bedingungslose Grundeinkommen, auch wenn „Geld für nix“ für die meisten Deutschen eine „Höllenvorstellung“ und ein Tabubruch sei.  Die Diskussion um den „Sinn der Arbeit“ müsse jedoch geführt werden, sonst bräuchten wir sie nicht mehr – wie die Schalterbeamten der Deutschen Bahn.

Immer wieder nutzt von Rosenberg Lipinsky auch Alltagsbeispiele aus den Bereichen Sexualität und seiner Familie, um das Vorgetragene zu erklären. So spricht er von den Schwierigkeiten mit seinem neuen, vollautomatisierten Auto, „bei dem alles piept“, von Problemen mit seinem Computer oder mit dem Internet. 

Auch die Bildung der Zukunft sieht er von der Automatisierung und dem Internet bedroht, denn es sei nicht mehr wichtig, etwas zu wissen, sondern wo es sich befindet, es gehe nicht mehr um „Knowhow“, sondern um „Knowwhere“. Das Schwierige würde nicht mehr gelehrt, dafür würde man für das Selbstverständliche ständig gelobt, wie für das ausloggen auf einer Internetseite „Herzlichen Glückwunsch, sie haben sich erfolgreich ausgeloggt.“.

Grundsätzlich und politisch wurde von Rosenberg Lipinsky dann am Schluss seiner Vorstellung. Wie wir zukünftig leben wollen, fragte er das Publikum. Das Gegenteil seien ja die Lieblingsworte von Angela Merkel: „alternativlos und systemrelevant“. Er jedenfalls möchte nicht nur nach dem Wert für das gängige System gemessen werden. Das menschliche Leben ließe sich nicht rechnen, was man auch an den eigenen Eltern merke, denen er eine Dauerkarte für die AIDA geschenkt habe – das sei deutlich billiger und besser als die Kosten für ein Pflegeheim. Insgesamt bräuchten wir Deutschen Perspektive: „vielleicht muss ja das System sterben, damit wir überleben können.“.

Die nachdenklichen Zuschauer bedachten ihn auch dafür mit einem lang anhaltenden Applaus und eine Teilnehmerin bemerkt im Anschluss: Sie habe noch nie so viel gelacht – und dabei nachgedacht.

Bamberg, 24.05.2019 Christian Kainzbauer-Wütig